Wir sprechen so häufig vom Nervensystem, von Stressregulation und davon, wie der Körper zu mehr Ruhe und Balance finden kann. Im Zentrum steht dabei ein unscheinbarer, aber unglaublich kraftvoller Anteil oder auch Verbündeter: der Parasympathikus.
Als Teil des autonomen Nervensystems spielt er eine wesentliche Rolle für unser Wohlbefinden, unsere Heilungsprozesse und unsere Fähigkeit, uns im eigenen Körper zu Hause zu fühlen.

In diesem Artikel möchte ich dir einen tieferen Einblick geben – in seine Funktionsweise, seine Vorteile, die Herausforderungen im Alltag und warum es so wichtig, hilfreich und heilsam sein kann, diesem in der Körperarbeit besondere Aufmerksamkeit zu schenken.


Was ist der Parasympathikus?

Der Parasympathikus ist der Teil unseres autonomen Nervensystems, der für Regeneration, Ruhe und Aufbau zuständig ist. Während sein Gegenspieler, der Sympathikus, „Gas gibt“ und uns auf Aktivität, Leistung oder Stress vorbereitet, drückt der Parasympathikus aufs „Bremspedal“.

Sein bekanntester Wirkweg ist der Vagusnerv, der längste Hirnnerv des Körpers. Er verbindet Gehirn, Herz, Lunge, Verdauung und weitere Organe – und wirkt wie ein Netzwerk für Ruhe, Zentrierung und Sicherheit.

Funktionen des Parasympathikus:

  • Aktiviert die Verdauung
  • Verlangsamt den Herzschlag
  • Vertieft die Atmung
  • Fördert Regeneration und Zellreparatur
  • Unterstützt das Immunsystem
  • Erlaubt soziale Verbundenheit („Social Engagement System“)
  • Senkt Stresshormone

Kurz gesagt: Der Parasympathikus hilft uns, heile zu werden – körperlich und emotional.


Vorteile eines aktivierten Parasympathikus

1. Tiefe Entspannung und Stressabbau

Wenn der Parasympathikus aktiv ist, schaltet der Körper in einen Zustand, der echten Stressabbau ermöglicht. Muskeln lassen los, die Atmung wird ruhiger, das Nervensystem fährt herunter.

2. Starke Verdauung und gutes Bauchgefühl

Die Verdauung ist einer der größten Stressindikatoren. Ein aktiver Parasympathikus verbessert die Nährstoffaufnahme, Darmbewegung und das Mikrobiom – entscheidend für innere Balance.

3. Emotionale Stabilität

Ein reguliertes Nervensystem bedeutet: Wir können Herausforderungen gelassener begegnen, unsere Gefühle wahrnehmen und verarbeiten, ohne überfordert zu werden.

4. Verbesserter Schlaf und Regeneration

Die nächtliche Erholung ist stark vagusabhängig. Wer seinen Parasympathikus stärkt, schläft tiefer und erholt sich besser.

5. Soziale Verbundenheit

Der Parasympathikus ermöglicht uns, Vertrauen aufzubauen, Nähe zuzulassen und gesunde Beziehungen mit uns und unseren Mitmenschen zu führen und pflegen


Herausforderungen im modernen Alltag

Obwohl der Parasympathikus unser natürlicher Ruhepol ist, leben viele Menschen in einem Zustand chronischer Sympathikus-Aktivierung: dauerhaftes „Fight or Flight“. Das ist in unserer modernen, schnelllebigen, oft oberflächlichen Welt auch nötig, um nicht unterzugehen.

Typische Ursachen:

  • Überlastung im Job
  • Dauerpräsenz digitaler Reize
  • Beziehungskonflikte
  • Schlafmangel
  • Vergangene Traumata
  • Emotionale Überforderung
  • Perfektionismus und Leistungsdruck

Für unser Überleben im evolutionären Sinne, ist dieser Aktivierungszustand wichtig, bringt aber ebenso Herausforderungen mit sich. Denn dadurch geraten viele Menschen in einen Zustand, in dem ihr System „vergisst“, wie sich echte Ruhe anfühlt. Sie erleben:

  • Ein- oder Durchschlafprobleme
  • Verdauungsbeschwerden
  • innere Unruhe
  • Verspannungen
  • emotionale Reizbarkeit oder Abflachung
  • Erschöpfung / Burnout

Gerade deshalb ist die Arbeit am Parasympathikus heute so wertvoll – aber auch so sensibel.


Wie wir in der Körperarbeit mit dem Parasympathikus arbeiten

Körperarbeit hat eine enorme Wirkung auf das Nervensystem. Wir können Räume schaffen, in denen Klienten wieder einen Zugang zu innerer Ruhe bekommen – oft zum ersten Mal seit langer Zeit.

Wichtige Werkzeuge:

  • Berührung: langsam, präsent, druckarm – sie stimuliert vagale Bahnen
  • Atembegleitung: Verlängerte Ausatmung, weiche Bauchatmung
  • Somatische Wahrnehmung: Klienten helfen, wieder im Körper zu landen
  • Rhythmus und Wiederholung: Das Nervensystem liebt Vorhersehbarkeit
  • Erdung: Kontakt zu Schwerkraft, Boden und Zentrierung
  • Co-Regulation: Unsere eigene Präsenz wirkt wie ein Anker

Wenn der Parasympathikus anspringt, merken wir oft:

  • warme Hände und Füße
  • weiche Gesichtsmuskeln
  • Tränen
  • spontane tiefe Atemzüge
  • Gefühl von Raum, Weite, Frieden

Diese sind Zeichen dafür, dass der Körper beginnt sich zu regulieren.

Der Parasympathikus ist ein Schlüssel zur Heilung.
Nicht mehr, aber auch nicht weniger als das.

Er verbindet uns mit unserer inneren Ruhe, unserer Lebenskraft und unserer Fähigkeit, uns sicher in der Welt zu bewegen.

In der ganzheitlichen Körperarbeit können wir Menschen auf diesem Weg begleiten – achtsam, präsent und mit tiefem Respekt vor ihrem Nervensystem.
Denn Heilung geschieht nicht durch Druck, sondern durch Vertrauen und durch Räume, in denen der Körper wieder erinnern darf, wie es sich anfühlt, zu Hause zu sein.